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Kai-Uwe Grimm

Endlich habe ich mich mal aufgerafft auch einen kleinen Text für die Seite zu schreiben.

Mein Name ist Kai-Uwe genannt Vossi (weil ich so ähnlich lache, sagt man). Mein Oldie ist ein MGB aus dem Jahr 1972. Eigentlich ein US Modell, welches aber optisch bald nicht mehr zu erkennen ist. Habe den „ B „ schon lange nicht mehr auf der Straße bewegt, nun ist er bei Jens und wird mit viel Liebe zum Detail und neuen Teilen wieder reanimiert.

Freue mich auf die nächste Saison wenn der B wieder auf der Straße ist.

Jens, lasse uns die 95 PS bald mal wieder brummen hören, der Motor macht doch schon optisch richtig was her.

Kai-Uwe

 

Leider ist unser Freund Vossi am 3. Dezember 2016 verstorben.
Sein MGB wird natürlich trotzem fertiggestellt und es wird weiter darüber zu berichten sein.

 

Hier ein Beitrag von Petra Ristow: (original als pdf-Dokument - hier für die Web-Site umgesetzt)

Abschied von Kai-Uwe Vossi Grimm am 29.12.2016

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Zum ersten Mal Sonne nach Tagen des Sturms.

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Die Vertreter der
Heidebriten
und des
Oldtimer Stammtisches
sind standesgemäß vorgefahren.

 

 

 

 

 


Vor der Kapelle tragen wir uns in das Kondolenzbuch ein, das ebenso voll ist wie die Bänke drinnen.
Jeder bleibt kurz im Gang stehen, sucht sich dann einen Platz.
Die Kapelle ist kalt an den Füßen und von schräg oben glühend warm im Gesicht von den Billigheizstrahlern.
Musik vom Band ertönt.
Die meisten lauschen ergriffen den klassischen Klängen.
Einige Filmkenner grinsen still in sich hinein.
Star Wars? Nee, war dann doch zurück in die Zukunft.
https://www.youtube.com/watch?v=KJmRP5QInbU

Dann beginnt die Pastorin zu sprechen, über das Leben und den Tod und den Tod nach langer Krankheit im Besonderen. Sie zitiert Antoine de Saint-Exupéry, aus dem Kleinen Prinzen, Kapitel 21:
Freundschaft mit dem Fuchs.
»Lebe wohl«, sagte er …
»Lebe wohl«, sagte der Fuchs. »Hier ist mein Geheimnis.
Es ist sehr
einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für
die Augen unsichtbar.«
»Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«,
wiederholte der
kleine Prinz, um es sich einzuprägen.

Die Pastorin betet, Simon and Garfunkel und ihr Sound of Silence tönen durch den Raum:

„Hello darkness, my old friend...“

Nachdem die letzten Töne verklungen sind, hält Falk seine Trauerrede.

„Liebe Verwandte, liebe Freunde, liebe Arbeitskollegen, liebe Nachbarn,
zu sagen, dass der Tod von Kai-Uwe überraschend gekommen ist, trifft nicht
zu. Wir alle wussten um die ernsten gesundheitlichen Probleme. Leichter wird
es deshalb aber sicherlich nicht.
Meine Idee, die Trauerrede für meinen Bruder selbst zu halten, wurde
unterschiedlich aufgenommen. Von sofortiger Zustimmung über verhaltene
Reaktion bis zur Ablehnung war jede Reaktion dabei. Wie man sieht, mache ich
es nun doch.
Als ich mir die ersten Gedanken gemacht habe, wie ich anfangen sollte, dachte
ich erst noch: „Du kennst ja deinen Bruder am längsten.“

Das ist natürlich Quatsch, denn der war ja mein älterer Bruder. Acht Jahre
trennten uns. Somit kennen unsere Vettern und auch ehemaligen Nachbarn,
aber auch Freunde aus Kindertagen meinen Bruder natürlich länger.
Über die ersten Lebensjahre ist mir gar nicht so viel bekannt. Okay – er ist,
wie selber sagte, ein alter 68er, obgleich er nie auf der Straße an
irgendwelchen Protestbewegungen teil genommen hat. Und ja, er war ein
Sonntagskind. Er ist geboren in Göttingen und im Süden Niedersachsens
aufgewachsen. Was aber die wenigsten wissen, sein Gesicht wurde
tausendfach veröffentlicht. Nicht so gut platziert wie das Kind auf dem Brandt
Zwieback, aber immerhin in der Zeitung. Überliefert ist Folgendes: Eine
Fotoreporterin, die mit unseren Eltern bekannt war, musste zu einem Artikel
über eine Mutter, die ihr Kind misshandelt hatte, ein Foto organisieren. Heute
würde man was Nettes von Facebook klauen, aber damals hat man den kleinen
Kai-Uwe in seine Kinderkarre gesetzt und fotografiert. Und im Zeitungsartikel
wurde dann ein schwarzer Balken über die Augen gedruckt. Natürlich hat
damals keiner „Lügenpresse“ geschrien.
Zu Beginn der der 70er Jahre kam er nach Horst. Das wurde seine Heimat. Mit
den Nachbarskindern Jens und Antje schloss er schnell Freundschaft. Dass sein
guter Freund Jens schon verstorben ist, hatte ihn sehr traurig gemacht. Mit
ihm verband er viel. Wenn ich nur ansatzweise die dinge aufzählen würde,
dann würden wir hier noch Stunden sitzen.
Das Verhältnis in unserer frühen Kindheit zwischen uns beiden war nicht das
beste. Immerhin war er der große Bruder, acht Jahre sind natürlich Welten im
Kindesalter und er musste nur allzu oft auf mich aufpassen. Wenn unsere
Mutter uns mal alleine gelassen hat, was selten vorkam, sagte sie immer noch,
wir sollten das Haus nicht anzünden. Dabei schaute sie immer nur mich an. Ich
habe bis heute keine Ahnung warum. Aber das Haus wurde nicht angezündet,
also hat mein Bruder seinen Job richtig gemacht.
Aber im Grunde war unsere Kindheit bis 1984 recht gut. Ich erwähne 1984
deshalb, weil kurz vor Weihnachten 1984 unsere Schwester Friderieke an eines
Verkehrsunfalls verstorben ist. Danach war unsere Kindheit natürlich nicht
mehr so sorgenfrei.
Auch als Kai-Uwe und ich längst erwachsen waren, war unsere Mutter immer
krank vor Sorge. Dies führte dann immer zu Situationen, die wir Freunden und
Bekannten dann immer wieder erklären mussten.
Von Kai-Uwes Schulzeit ist mir nur bekannt, dass es ihm oft keinen Spaß
gemacht hat. Heute würde man sagen, mein Bruder war ein Mobbingopfer.
Aber er hat den „erweiterten Realschulabschluss“ geschafft und danach auch
das Fachabitur. Und auch hier fand er durch seine immer freundliche Art
Freundschaften, die er bis heute pflegte.
Freundschaft war meinem Bruder wichtig.

Von seinen Freunden bekam er den Spitznamen Vossi. Vossi wie Fozzie-Bär aus
der Muppet-Show. Warum sich die Schreibweise so unterschied, hat
wahrscheinlich markenschutzrechtliche Gründe.

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Aber mit Fozzie-Bär hatte er
große Gemeinsamkeiten. Er
war der Liebenswerte, der
immer gut gelaunt ist und
Witze erzählt. Genau wie bei
Fozzie-Bär zündeten die Witze
nicht immer, aber er hat nie
aufgegeben oder resigniert. Er
hat es einfach immer weiter
versucht und war immer gut
aufgelegt. Trotz seiner
Krankheiten, trotz den
Schicksalsschlägen in der
Familie. Er machte weiter.
Wenn seine Freunde, seine Kollegen und auch ich an ihn denken, dann wissen
wir immer eines: Er war die Hilfsbereitschaft in Person. Immer erst an die
anderen denken. Sich selber zurück nehmen, um für andere da zu sein. Egal
ob es das Besorgen von Umzugskartons war, das Organisieren irgendwelcher
anderer Dinge oder das Stehlen von Pferden. Gut – Pferde hat er nie
gestohlen, aber hätte man ihn gefragt, dann hätte er den Pferdeanhänger
besorgt.

tl_files/cn_content/img/Vossi-MGB.jpg
Durch seinen Freund Jens <Bauer>
wurde auch seine Leidenschaft
für britische Automobile geweckt.
Irgendwann kaufte er sich
seinen MGB. US Chrommodell.
Dieses Auto liebte er.
Er ließ es irgendwann in Emerald
lackieren und freute sich wie
Graf Koks, wenn er damit
fahren konnte.
Er war damit genauso in Dänemark
wie auch auf dem Großglockner.
Über die Ausfahrten nach
Österreich konnte er auch noch
Jahre später noch voller Freude
sprechen.

 

Und wo wir gerade bei britischen Autos sind, NIEMAND kommt auch nur auf die Idee, dass ältere britische Fahrzeuge voll mit britischen Ingenieursleistungen irgendwelche Nachteile haben könnten. Mein Bruder war froh, kein Bastelauto zu fahren. So ist es natürlich auch fast gar nicht zu verstehen, warum sein MGB um die 10 Jahre unangemeldet in seiner Garage gestanden hat.

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Erst 2014 konnte er sich dazu entschließen, seinen MGB professionell aufarbeiten zu lassen.
Anfangs hat er noch selbst mit geschraubt, aber dann kam 2015 der große Zusammenbruch.
Mit Leberversagen, Gallenweginfektion, Lungenentzündung, Nierenversagen und Blutvergiftung kam er ins Krankenhaus.
Das hat er überlebt.
Aber Mitte 2015 wurde ihm gesagt, dass er wieder einer Lebertransplantation entgegensehen muss.
Er akzeptierte das. Nun ging das Warten los. Immer wieder wurde er mit fiebrigen Infekten im Krankenhaus behandelt.
Ein Abend oder auch nur Minuten ohne Handyempfang wurden zur Qual für ihn. Jederzeit konnte ja der Anruf für die neue Leber kommen.
Anfang Oktober diesen Jahres war dann ein passendes Organ verfügbar. Voller Hoffnung, aber auch mit etwas Angst stellte er sich der Herausforderung. Ich habe ihn selber noch ins Krankenhaus gebracht. Die OP überstand er. Die
Wochen danach auf der Intensivstation waren anstrengend. Dann kam er auf eine normale Station. Ende Oktober sah alles bestens aus. Er war endlich wieder ohne Schläuche, Elektroden oder Kabel.
Voller Freude schrieb ich in die WhatsApp-Gruppe die Zeile aus einem Neue-Deutsche-Welle-Hit: „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran...“
Dann aber kamen die Rückschläge, die ihn wieder auf die Intensivstation brachten. Er hatte Angst, hatte aber auch den Willen, weiter zu machen. Nicht aufzugeben. Im November ging es abwärts, aufwärts und wieder abwärts.
Am dritten Dezember hat mein Bruder den Kampf verloren.
Für mich als Atheisten - oder wie es unser Freund Christoph immer sagt „Lüneburger Heide“ - ist es schwer, denn ich denke nicht, dass wir uns irgendwann einmal wiedersehen. In einem späteren Leben, einer anderen Ebene im Jenseits.
Doch dann ist da meine geheime Hoffnung, dass ich einmal Unrecht habe.
Die Definition von Leben, biologisch gesehen, ist: Reizempfindung,
Stoffwechsel, Bewegung, Fortpflanzung und Tod.
Jeden Tag sterben Menschen. Das gehört zur Definition von Leben dazu.
Global oder in kosmischen Dimensionen ist der Tod von Kai-Uwe nichts besonderes.

Das alles ist mir jedoch gerade vollkommen egal, da es mein Bruder war. Er wird mir ewig fehlen. Wir werden ihn nie vergessen.


„Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu geh'n“ ertönt.

Die Pfarrerin spricht noch ein kurzes Gebet und mit den Klängen von Zurück in die Zukunft wird die Urne aus der Kapelle getragen hinüber zum Grab.
Es ist eng auf dem Waldfriedhof. Ganz hinten sieht man nur den Rücken des Vordermannes und hört das Rauschen des Windes in den Zweigen.
Nacheinander treten wir ans Grab.
Jeder verabschiedet sich noch einmal persönlich.

 

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